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(Link: Weihnachtskarte 2008)



IN DEN STRASSEN...
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in den straßen
alles bunt
leuchtend
glitzernd
die schaufenster
die augen
das geld

für vier wochen
rückt das elend
in die ferne
wo es hingehört
nach afrika
nach indien

neue geschenkidee:
der heimcomputer
der das gewissen
ersetzt

 

          - - -

 

lärm als
ausdrucksmöglichkeit
die einzigste
wenn man mal
vom pelzmantel
absieht

plastikbeutel
als brechtüten
für bruchlandungen

konsumterroristen
entführen sich
gegenseitig
und keiner weiß
wohin

 

          - - -

 

je besser
der mensch
desto voller
die einkaufstasche

je freundlicher
die gesinnung
desto zufriedener
die innung

je fließender
das geld
desto glücklicher
die welt

je lauter die klage
desto hoffnungsloser
die lage

 

          - - -

 

treten sie
nicht näher
bedenken sie:
wer getreten wird
tritt zurück

also
vermeiden sie
die nähe

 

          - - -


ADVENTSONNTAG...
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dezembersonntag
schon in der kirche
nichts neues:
advent - wie immer
um diese zeit

frühschoppen
schweinebraten
dämmerung
zum kaffee
sportberichtserstattung
wenn man glück hat
abends ein tatort

die späten stunden
vergehen schneller
kostbarer wird die zeit
die man nicht mehr hat

 
                                                                   (Link: Weihnachtskarte 2009)
          - - -

 

früh am morgen
sind alle tage gleich...
gute chancen
zuversicht
hoffnung

unvermögend
diese stunde zu halten
verlieren wir sie
an unternehmungen
enttäuschungen
und gerede

mittags
eine lange trauer
und dann
ein langer nachmittag

 

          - - -

 

spaziergang
am nachmittag
die luft
klar und kalt
auf den feldern
krähen
die dich beobachten

einsame bäume
zeigen mit
kahlen ästen
auf dich
vergessene äpfel -
auch du
hast etwas vergessen

 

          - - -

 

abends nur
nicht nachdenken
musik und bier
oder doch...
ein wort
ein buch
nur keine tränen

gnadenlos
so ein sonntagabend
zum glück
ist advent
die kerze
rechtfertigt
die schatten
im gesicht








WARTEN AUFS CHRISTKIND...
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warten aufs christkind
als du klein warst
hat es dir spaß gemacht
du hast gebangt
gehofft und
heimlich durch das
schlüsselloch
gesehen

und heute?
wer wartet denn noch
auf ein kind?
wir warten auf godot
oder den weltuntergang
und durch das
schlüsselloch
haben wir auch schon
gesehen

 

          - - -

 

vorfreude
ist die schönste
freude
haben uns die alten
erzählt
und die welt
für uns
...aufgebaut

langsam
begreifen wir
dass es
schadenfreude
gewesen sein muß

 

          - - -

 

stunden zählen
möglichkeiten abwägen
hoffnungen bewahren -

es war so einfach
alt zu werden

wir haben es ja
auch oft geübt
nur begriffen
haben wir es nie 

 

          - - -

 

um den worten
einen sinn zu geben
erfinden wir einen -

wir halten selbstbetrug
für zufriedenheit
nachdenklichkeit
für unsicherheit
und innere schönheit
für ein röntgenbild

so geben wir allem
den sinn
den wir gerne hätten

 

          - - -



AUF DEM GABENTISCH...
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es gibt so viele
nützliche dinge
wie gehackte zwiebel
aus der tube
oder frische luft
aus der spraydose

ich schlage vor:
dosiersysteme
für emotionen
filterpapier dreilagig
nässepuffer für
freudentränen
und für die
kritische schwiegermutter
eine anleitung
zur selbstkritk

                                                                   (Link: Weihnachtskarte 2010)

          - - -

 

kaufen sie
kaufen sie -
was sie nicht haben
was sie nicht sind

kaufen sie
eine weltanschauung
eine meinung
ein gesicht -
übrigens im praktischen
dreier-set ab 37,50 DM
umtausch ausgeschlossen
auch als
geschenkpackung

sie erhalten gratis dazu
eine persönlichkeit
gegen aufpreis
eine bessere

 

          - - -

 

es gibt jetzt
eine videocassette
die zeigt
einen christbaum

stundenlang
einen christbaum
mit echten kerzen
versteht sich

diese cassette
ist für jugendliche
nicht geeignet

 

          - - -

 

unsere attraktion:
zahncreme und weihwasser
in einem

beseitigt alle falten
im gesicht
und anderswo

erübrigt sogar
das hände falten    








Noch `n Weihnachtsgedicht...




Josef sprach in Galiläa,
"betrachte ich die Sache näha,
 so kann ich nicht der Vater sein.
 Maria, sprich: Wie heißt das Schwein?"

"Lieber Josef, glaube mir,
 dieser Knabe ist von dir.
 Woher kommen deine Zweifel
?"
"Nicht von ungefähr, zum Teufel.

 Ein Herr Engel kam zu mir
 und erzählte mir von dir
 und deiner Affäre mit Herrn Geist,
 was deinen Seitensprung beweißt."

"Aber nein, so glaube mir,
 dieser Herr Engel war auch hier
 und sagte, daß sein Chef ihn schickt,
 damit was ganz besondres glückt.

 Es ist wahr, ich bitte dich,
 er sprach, ein Geist käm über mich
 und mir ward es Angst und banger,
 ich ward ganz von selber schwanger.

 Ich gehör doch zu den Braven
 und hab mit keinem Kerl geschlafen
."
"Oh je, soll ich das etwa glauben?
 Willst du den Verstand mir rauben?

 Nein, das find ich unerhört,
 hat deine Mutter dich nicht aufgeklärt?
 Und du willst noch Jungfrau sein,
 darauf falle ich nicht rein."
 
"Aber..." "Schweig, das hör ich gern
 und was ist mit diesem Stern,
 der dort groß am Himmel steht?
 Nein, zum Lügen ists zu spät.

 Verstell dich mir doch nicht so dreist
 und zeig mir diesen scheinheiligen Geist.
 Schaue in die Augen mir,
 wer sind die drei dort an der Tür?"


"Ich kenn sie nicht, jedoch ich denke,
 sie bringen unsrem Kind Geschenke
."
"Unsrem Kind? Das wird ja immer schlimmer,
 ist das hier ein Stall oder ein Kinderzimmer?
 
 Was macht das ganze Viehzeug hier?
 Was wollst ihr drei, so sagt es mir."                                         
"Wir kommen von der Morgenpost
 und folgten diesem Stern gen Ost,

 zu sehen diesen kleinen König."
"Jetzt verstehe ich nur wenig,
 warum das Kind dort König heißt,
 ich denk der Vater ist Herr Geist?

 Maria, sprich, was ist das dran,
 gibts da noch nen zweiten Mann?"

"Josef, bitte glaube mir,
 hatt ich bislang auch nichts mit dir,
 mit andern nicht einmal im Traum,
 die Herrn Geist und König kenn ich kaum.

 Ganz von selbst kam dieser Bengel,
 wenn dus nichts glaubst, dann frag Herrn Engel,
 oder allem Ernst zum Spott,
 frag seinen Chef, den Karel Gott.
"

Josefs Gesicht wird immer länger,
"was weiß denn dieser Schlagersänger?"

"Lieber Josef," sprach Herr Engel leis,
"deine Hörner sind der Preis
für den Glauben von zweitausend Jahr,
ich sage dir, er wird mal wahr.

Und außerdem, nicht zuletzt,
hast du sie dir selber aufgesetzt.
Schuld dran ist dein Stolz als Mann,
der nur anerkennen kann

was er selber hat geschafft,
mit seiner eignen Körperkraft
und auch nur mit eignem Geist,
was genaubetrachtet heißt,

die Menschen würden auf die Lehren
eines Zimmermannsohnes hören,
der, genauso beschränkt wie du,
nichts anderes will, als seine Ruh.

Was wäre dann des Glaubens Lohn?
Nein, zum Glück ists nicht dein Sohn."

Josef ist jetzt überzeugt
und geht davon, vor Gram gebeugt,
ahnt schon, daß die Welt total verkehrt,
später Frau und Sohn verehrt,

und keiner denkt an ihn zurück -
plötzlich lacht er: "Welch ein Glück."

                                   (Foto: Weihnachten in Cassone/Lago di Garda)






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Es ist der letzte Tag des Jahres. Noch eine Stunde und vierzig Minuten. Draußen knallt es von Zeit zu Zeit, mal näher, mal entfernt. Es hört sich ein wenig an wie Krieg. Vielleicht ist es Krieg, auf jeden Fall wird geschossen.. Aus Freude? Aus Verzweiflung? Aus Notwehr? Schüsse zur Verteidigung und zum Angriff klingen gleich. Auch die Wunden, die sie reißen, sind die gleichen. Verteidigen sie das alte Jahr gegen das Neue? Angriff ist die beste Verteidigung.

Warum sitze ich hier an meinem Schreibtisch? Vor mir eine Kerze, eine Flasche Rotwein, hinter mir ein ganzes Jahr.

Warum kämpfe ich nicht mit, verteidige nichts und niemanden, greife niemanden an? Keine Siegesfeier, kein Begräbnis, noch nicht einmal eine Wiederauferstehung. Was mache ich hier?

Noch eine Stunde und fünfundzwanzig Minuten. Ist das die Zeit Vorsätze zu fassen? Ich rufe: Fass! Doch der Hund bleibt sitzen. Es ist ein Faß ohne Boden. Bodenlos. Gnadenlos. Noch nicht einmal das Losglück ist mir treu geblieben. Überhaupt ist das so eine Sache, mit der Treue. Wer bleibt wem treu? Und warum? Treue klingt wie Reue. Ist das jetzt die Zeit Vorsätze zu bereuen? Der Jahreswechsel hat nichts zu tun mit den Wechseljahren, soviel ist mir klar. Dennoch ist es die Zeit, sich mit dem Alter zu beschäftigen. In dieser Nacht werde ich um ein Jahr älter, nicht an meinem Geburtstag. Deshalb ist es für mich die Zeit nachzudenken. Die Partys sind abgesagt, die Rolläden geschlossen, das Glas gefüllt. Der letzte Weihnachtsstollen ist gegessen, der Käse steht noch auf dem Tisch. Noch ist es Zeit zurückzuschauen.

Noch fünfundsechzig Minuten. Die Front ist näher gerückt. Ich schenke mir ein neues Glas Wein ein, ich schenke mir reinen Wein ein. Und zünde mir noch eine Zigarette an. Ein neues Jahr steht uns bevor. Ein neues Jahr, ein neues Glück. Bitte das Spiel zu machen. Den Einsatz wagen, bevor es heißt: Nichts geht mehr. Wenn die Kugel erst einmal gefallen ist, dann heißt es gewinnen oder verlieren.

Noch dreißig Minuten. Die Front muß unmittelbar vor meinem Fenster liegen. Die Heckenschützen lauern hinter den Gardinen, sie schießen auf alles was sich bewegt. Und es bewegt sich nicht mehr sehr viel. Die Schweigenden beginnen zu gröhlen, die Schüchternen ballen die Fäuste. Und alle scheinen sie ein wenig zu wachsen.

Wir sollten den Täter und das Opfer in uns selbst suchen. Dazu haben wir im alten Jahr noch zwölf Minuten Zeit. Draußen brennt die Stadt schon. Die Menschen sitzen in den Kellern und warten, wie sie schon immer gewartet haben. Für manchen spielt sich das ganze Leben in Kellern ab. Sie warten bis es endlich losgeht, dabei ist es schon vorbei. Auf Los gehts los. Gedankenlos. Gnadenlos. Gnadenbrot. Brot und Wein. Und Blut. Ich schenke mir noch ein Glas Wein ein. Für dieses Jahr hat das Blutvergießen bald ein Ende. Noch eine letzte Zigarette.

Noch acht Minuten. Gib acht! Das wird ein Feuerwerk, sagte der alte Offiziert und setzte die Pistole an die Schläfe. Heute Nacht wird nicht geschossen, sagte die Mutter und warf das ganze Feuerwerk in den Ofen. Das Fest hat den Höhepunkt erreicht, die Gäste sind besoffen, die Fenster offen, die Sektkorken sitzen schon locker. Worauf sie auch immer anstoßen werden, es wird falsch sein. Was immer sie sich zurufen werden, es wird gelogen sein.

Noch drei Minuten. Mein Gott, gleich gehts los. Gleich hörts auf. Was kommt zuerst? Und es gibt doch ein Leben vor dem Tod. Im Radio läuten die Glocken, draußen knallt und pfeift es. Im Irak, in Palästina, in Pakistan ist das der Alltag. Prosit Neujahr!

Jetzt klingelt das Telefon. Ich nehme nicht ab. Irgendjemand denkt an mich. Wer mag das wohl sein? Egal. Es ist irgendjemand der an mich denkt. Das neue Jahr ist schon sechs Minuten alt und man hat mich noch nicht vergessen. Das fängt schon gut an. Draußen wird immer noch geschossen, die Opfer werden abtransportiert, kein Meter Boden wird preisgegeben. Der Kampf ist gnadenlos, bis aufs Messer und Gabel. Es wird auch keinen Sieger geben.

Schon sechzehn Minuten. Langsam beruhig es sich draußen wieder. Meine Fensterläden sind noch immer geschlossen. Ich habe nichts gesehen, doch alles wiedererkannt. Morgen wird von abgebrannten Weihnachtsbäumen und ausgebrannten Wohnungen in den Zeitungen stehen, von verbrannten und abgerissenen Fingern, von ausgeschossenen Augen, von Alkoholleichen und anderen. Morgen wird es genauso weitergehen, wie es gestern aufgehört hat. Die Sprüche werden noch die gleichen dummen sein, die Gesichter auch. Dieses Narrenschiff findet keinen Hafen. Es ist genug. Es ist endlich genug, hört auf! Ein paar unermüdliche schießen noch immer. Sie geben einfach keine Ruhe.

Am anderen Morgen, beim ersten Blick aus dem Fenster, sieht alles so aus wie immer, so als wäre nichts geschehen. Vielleicht ist auch gar nichts geschehen, vielleicht habe ich in dieser Nacht mir alles nur eingebildet. Niemand hat geschossen, keiner hat sich zugeprostet. Nichts hat aufgehört und nichts hat begonnen
Vielleicht ist es schon immer so gewesen, vielleicht ist noch nie etwas geschehen?

"Etwas furchtbares ist geschehen, denn nichts ist geschehen."

Dann wird es aber höchste Zeit, endlich damit zu beginnen. Vielleicht ist dies der Anfang, endlich mit all den Lügen aufzuhören. Aber die guten Vorsätze geraten schon jetzt ins Wanken.

Und noch 364 Tage bis zum nächsten Jahreswechsel. Wir wollen zuversichtlich sein.....

 

© helled-lyrik stuttgart 


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(sämtliche Texte und Fotos: cop. by h.lederer)

 
     
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